Eine Totgeburth ? - Der neue Effi-Briest-Film

Wo bleibt nur die verdammte Schaukel?

Es ist schon mal sehr anders als im Buch, wenn die ersten Minuten von Hermine Huntgeburths Adaption von „Effi Briest“ laufen. Effi lernt Innstetten auf einem Ball kennen. Angemessen allerdings für eine Effi, die bei weitem nicht so kindlich aussieht, wie es der Roman im ersten Kapitel vorsieht. Und gleich darauf die Entschädigung: Nach der Ruderpartie wird die für eine Ehe viel zu junge Effi von ihrer Mutter ins Erwachsenendasein gerufen („Innstetten hat um deine Hand angehalten!“ ), der Ruf der Kindheit, Effis am Fluss wartende Freundin, kommt zu spät.

Es ist schon ein mutiger Versuch der Regisseurin, den alten Fontane-Roman abzustauben (Muss man das ?) und ihm ein modernes Gewand zu geben. Gelegentlich geht das ganz furchtbar schief, etwa wenn Effi bei ihrer Entjungferung oder später bei Annis Geburt qualvoll schreit und der Film in einem kurzen Moment in völliger Banalität versinkt.

Dann aber nimmt sich der Film viel Zeit, um Effis Einsamkeit, Verlorenheit und Isolation in Kessin darzustellen. Schon bei der Begrüßung spürt man, dass sie nicht in diese verschworene Gemeinschaft der Bediensteten Innstettens eindringen wird. Umgekehrt wird aber immer wieder in ihre privateste Sphäre eingebrochen, etwa dann, wenn Effi badet oder stolz ihren schwangeren Bauch prüft. In diesen Szenen ist Julia Jentsch, die Effi dieser Verfilmung, am besten. Ihr zurückhaltendes, unaufdringliches Spiel passt mehr zu dieser Effi als zu jener ungestüm wirbelnden, die die Vorlage auch zeigt.

Als feststeht, dass Effi aus Kessin nicht entkommen kann, nimmt erstmals der Apotheker des Dorfes eine wichtige Rolle ein. Fast ist man geneigt, an einen anderen großen realistischen Roman zu denken, aber mit dem Monsieur Homais aus Madame Bovary, jener Inkarnation des Banalen und der Mittelmäßigkeit, hat dieser Gieshübler so gar nichts gemein. Er ist der warme Lichtblick in der kalten Dorfgemeinschaft. Es sind seine Komplimente an Effi, die jene ausbleibenden Innstettens ersetzen. Es ist seine Initiative, ein Theaterstück aufzuführen, das dann die Annäherungen zwischen Crampas und Effi legitimiert, als Probe nämlich, die somit dreierlei einübt: das Theaterstück, die Affäre und (inhaltlich) Effis späteres weibliches Selbstbewusstsein. „Sie sind ein Zauberer!“, sagt Effi zu Gieshübler nicht ohne Grund.

Wunderbar sind Ausstattung, Bilder und Musik. Das dunkle, bedrohliche, enge und triste Haus in Kessin kontrastiert mit der schönen, kargen und kalten Weite der Ostseelandschaft; ein Kontrast, den die Schönheit des Hauptthemas von Komponist Johan Söderqvist noch unterstreicht. Innstettens lichtloses Anwesen kontrastiert im Übrigen genauso mit der Scheune, die Crampas und Effi zu ihrem Liebesnest machen. Und natürlich muss es nach der anfangs gezeigten leidvollen Liebesnacht mit Innstetten nun auch das Gegenstück geben: Der Liebesakt bei Tag, in der lichten Scheune mit Crampas, gezeigt als emotionales erstes Mal, dass aber nicht Liebe bedeutet, so Crampas, sondern Freiheit. Es ist diese Freiheit, die das Ziel der Huntgeburthschen Effi ist, nicht von ungefähr bittet diese ihren Liebhaber: „Crampas, nochmal!“

Der Zuschauer erlebt nun all das, was ein junges Mädchen nicht nur nach, sondern vor allem auch vor der Ehe erleben sollte: erste Liebe, leidenschaftliche Briefe, Herzklopfen usw. Effi reift dabei, am Ende ist sie die Vernünftige, die die Flucht mit Crampas als utopisch erkennt.

Andere Handlungsstränge erzählt Huntgeburth mit einer gelegentlichen Oberflächlichkeit fort. Die entwürdigende fortwährende Vertrautheit zwischen dem Ehemann und der eigenen Mutter (Juliane Köhler), der distanzierte Vater, der seiner Tochter Anni keine spontanen Gefühle zeigen kann und die Hausdame Johanna (Barbara Auer), die den Platz der Herrin im Hause Innstetten nie aufgeben wollte und zuletzt in einer Szene der Mütterlichkeit zu Anni zu sehen ist...

Die neue Akzentuierung des Themas „Freiheit“ kehrt zurück, als es zum Duell kommt. Crampas erweist sich ebenso wie Innstetten als Gefangener der gesellschaftlichen Konventionen. Er, der Jahre zuvor für Effi die Freiheit symbolisierte, vermag es auch auf Drängen Gieshüblers nicht, der Duellsituation zu entfliehen. Rüdiger Vogler in der Rolle Alonzo Gieshüblers liefert in der Duellsituation genauso wie später in einer letzten Szene mit Sebastian Koch weitere Beweise seines schauspielerischen Könnens.

Die leidende Film-Effi droht ebenso wie die Roman-Effi nach der Scheidung dahinzusiechen. Aber der Zorn, mit dem Effi in zwei Gesprächen über Geert wütet, eröffnet das alternative Ende des Films. Wieder arbeitet Hermine Huntgeburth mit augenfälliger Symbolik: Mitten im vornehmen Berliner Café zündet sich die verärgerte und gesellschaftlich desavouierte geschiedene Frau eine Zigarette an. Dem folgt nur noch das auf den ersten Blick überraschende Schlussbild: Effi marschiert, von Innstetten beobachtet, über die Straße. Und doch ist dies das Happy-End des Films: Hier der erstaunte und – wie der Zuschauer im Gespräch zuvor erfuhr – gebrochene frühere Ehemann, vor der Kutsche stehend; da die nun ungebundene Frau, die sich mit energischen Schritt ziel- und selbstbewusst durch die Straßen und das Getümmel Berlins bewegt.

Kritische Stimmen bemängelten eine gewisse Oberflächlichkeit oder gar Banalisierung in der Umsetzung des Romans, beschäftigten sich mit der zu großen Attraktivität Sebastian Kochs als Innstetten und hielten vor allem den von Huntgeburth gespannten Bogen zu einer sich emanzipierenden Frau am Ende des 19. Jahrhunderts für deplatziert. Mag der erste Punkt in der einen oder anderen Hinsicht nachvollziehbar sein, Beispiele sind oben genannt, so muss man aber auch sehen, dass die Leichtigkeit der Bilder und des Erzählten mit dem Ton korreliert, den Fontane in seinen Werken anschlägt. Und gerade Sebastian Koch ist für diese Verfilmung ein großer Gewinn. Kochs Charisma, seine maskuline Präsenz widerspricht dem landläufigen Bild des gefühlskalten und charakterschwachen Geert von Innstetten. Umso mehr ist Koch aber genau derjenige, der die Tiefe Innstettens spielen kann, die sich zeigt, wenn der Ministerialrat im Gespräch mit Wüllersdorf die gesellschaftlichen Regeln als überkommene Heuchelei brandmarkt. Pikanterweise ist es im Original nicht Innstetten sondern Wüllersdorf, der die entscheidenden Worte formuliert: "Unser Ehrenkult ist ein Götzendienst, aber wir müssen uns ihm unterwerfen, solange der Götze gilt."

Und ist der Bogen zu einer emanzipierten, freien Effi wirklich so gewagt? Nur wenige Jahre nach der Handlungszeit des Films entwirft ein anderer Autor gleichen Formats, Emile Zola, viel deutlichere Entwürfe von Freiheit, gesellschaftlicher Emanzipation und sozialer Gerechtigkeit. Nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung Effi Briests gehen in London die sogenannten „Suffragetten“ auf die Straße, um für das Wahlrecht der Frauen zu demonstrieren. Im Grunde führt Huntgeburth nur konsequent weiter, was Fontane angelegt hat und unausgesprochen lässt. Dass umgekehrt die Zeitlosigkeit des Stoffes nicht in Frage zu stellen ist, muss man nicht lange erörtern: Die Zwangsheirat ist in der multikulturellen Gesellschaft Deutschlands im 21. Jahrhundert von größerer Aktualität, als man sich das wünschen würde.

Wie man es nun sieht, in jedem Fall ist der Film äußerst geeignet für den Oberstufenunterricht. Hermine Huntgeburth öffnet den Stoff für heutige Jugendliche, bietet Anlass zu Diskussionen. Danke, Hermine, das ist schließlich ein so schönes weites Feld...

24.10.09 22:49

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Gunhild Simon / Website (31.12.09 10:48)
Auch wenn ich nicht alle Sichtweisen teile, bin ich beeindruckt von Ihrer Beobachtungsgabe.

Auch ich habe mich in einem früheren Blog an einer Kommentierung versucht.

Daß mein Fazit anders ausfiel als Ihres, liegt zum Einen daran, daß mir die selbstgemachten Bilder, die ich Fontanes Darstellungskunst verdanke, zu lieb waren, um sie durch diese frei interpretierten von Hermine Huntgeburth übertünchen zu lassen zu gestatten.

Effi ist braunhaarig, zart in ihrem Gemüt ("Wie das Haar, so der Chrakter" sagt sie wehmütig zu der mit kraftvollem blonden Haar begabten Johanna) zu Beginn übermütig, 17 Jahre alt und trägt am Teich (sic!) und auf der Schaukel ein blau-weiß-gestreiftes, loses Kattunkleid -zusammengehalten von einem Ledergürtel. Ihre Feundin Hulda Niemeyer ist eine "lymphatische Blondine", melodramatisch, kein ätherisches brünettes Püppchen. Und die rotgelockten Zwillinge des Küsters fehlen gar! Ebenso die Stachelbeeren und die Efeumauer. Ach ...!

Zum Anderen ist die Romanhandlung, so tragisch sie sich entwickelt, für den entscheidenden Sinn verantwortlich: Ein hoffnungsvoller junger Mensch wird gebrochen, wird Opfer der moralischen, ja auch der überkommenen aristokratischen, preußisch-junkerhaften Werte seiner Zeit.

Gunhild,
deren Rezension sich hier findet:
blog.institut1.de

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