Inception

Die erste Szene des Films: Leo di Caprio wird an irgendeinem Strand angespült. Nanu, denkt man sich, etwa eine verkappte Titanic-Fortsetzung? Aber nein. Erst erheblich später wird einem klar, dass Leo gerade in einer unteren Traumebene gestrandet ist. Das ist dann übrigens für lange das Prinzip des Films: "etwas wird erst erheblich später klar". Eine ganze Weile zwingt Regisseur Nolan den Zuschauer, kombinatorisch hinter der schnell Fahrt aufnehmenden Handlung hinterher zu hoppeln. Gut, das macht er gern, "Memento" war da nich' anders. Ich hätte mir alle 20 Minuten ein "Nur 1 Spot, dann geht es weiter" gewünscht. Aber immer dann, wenn mir etwas klar wurde, verpasste ich schon wieder den Fortgang der Ereignisse. Großes Plus: Der Film hält von Beginn an die Spannung. Kleines Minus: Der Zuschauer ist vielleicht geneigt, in Abwehrhaltung zu gehen, weil er nicht gleich mitkommt. Das inhaltliche Grundgerüst zumindest ein wenig zu kennen, hat mich jedenfalls die richtige Einstellung schon vorab finden lassen: Mit seichter Berieselung hatte ich nicht mehr gerechnet.

Die Besetzung: Sehr gut. Perfekt, wenn ich nicht doch immer noch so meine Schwierigkeiten mit Leo hätte. Marion Cotillard habe ich das Leiden an der unglücklichen Liebe sofort abgenommen, Leonardo di Caprio nicht. Passiert da zu wenig Mimisches in seinem Gesicht? Kann ich gar nicht so genau sagen. Die weiteren Rollen: toll besetzt. Zum heimlichen Star avanciert die kürzlich oscarnominierte, 23-jährige Ellen Page. Sie trifft die naiv-offene, pubertierende Ariadne mit Schmollmund genau. (Ariadne? Da war doch etwas? Faden? Griechische Mythologie? Bestimmt kein Zufall, der Name! – Richtig, er passt, danke Wikipedia.) Und kleine Highlights des Films: Die Auftritte der alten Haudegen: Michael Caine und Tom Berenger. Kleine Rollen, aber schauspielerische Schwergewichte.

Der Film hat viele Ideen, die zum Nachdenken verführen. Zum Beispiel: Im Traum zu träumen, das man träumt, was dann auch noch geträumt ist. Und dies mit einer unterschiedlichen Geschwindigkeit der Zeit zu koppeln. Schön auch die Überlegung, was wohl los wäre, wenn man tatsächlich Gedanken im Kopf des anderen einpflanzen könnte. 95 % der männlichen Bevölkerung würden bei Frauen "Hab Sex mit mir!" implantieren?

Aber darum geht's in Inception weniger. Im zweiten Teil erhält der Film klassische Action- und Krimi-Strukturen. Ein bisschen Googeln zeigt mir, dass ich nicht der erste war, der an Bond-Filme gedacht hat. Ehrlich: Nur James hat mehr Kugelhagel überlebt als die Jungs bei ihrer Jagd durch die Traumsequenzen. Aber auch hier gab es Pointen, gab es Neues. Dass der Bus von der Brücke stürzt, führt also dazu, dass im Traum der Businsassen die Gravitation aufgehoben ist.

Ich also aus'm Kino raus, mit zwei wesentlichen Gedanken im Kopf: Hier hab ich wirklich das Gefühl gehabt, dass sich Kino mal wieder weiterentwickelt, eine Tür aufgemacht wurde. Neue inhaltliche Dimensionen, und auch technische. Das Gefühl hatte ich zuletzt bei Jackson's Herr der Ringe. Und der zweite Gedanke: Es ist lange her, dass es notwendig war, einen Kinofilm alsbald ein zweites Mal zu sehen, um wirklich alles zu verstehen und alles mitzubekommen. Das muss 1991 oder 1992 gewesen sein und war nach Oliver Stone's JFK.

Ach ja:

Wo bleibt die Vermarktung der üblichen Fan-Devotionalien? Ich will so'n Kreisel !!!

7.8.10 16:55

bisher 6 Kommentar(e)     TrackBack-URL


LaLucide / Website (7.8.10 17:19)
Als ich diesen Film im Kino sah, gab es gerade einen Wasserrohrbruch und Wasser tropfte an einer Stelle von der Decke. Die Vorstellung ging aber trotzdem weiter.

Im Nachhinein war es ein interessanter Nebeneffekt, wenn man bedenkt, dass im Film auch in den Träumen gerne irgendwo Wasser herkommt, sollte die schlafende Person mit Wasser in Berührung kommen. (:


Herr Rau / Website (8.8.10 08:19)
Das mit dem Wasser ist schön. In den 40ern und 50ern gab es ja Experimente mit vibrierenden Sitzen oder leichten Stromstößen bei Horrorfilmen und anderen Gimmicks.


derclownfisch (8.8.10 10:39)
...persifliert in "Kentucky Fried Movie", wo ein Kinoangestellter hinter dem Zuschauer steht und die "Effekte" vornimmt.


Spontanbesorger / Website (9.8.10 14:34)
...oder man geht ins Phantasialand, in der es noch immer ein 4D-Kino gibt, inkl. Brillen sowie Luft-, Rüttel-, und Wassereffekte :D


Claudia / Website (29.8.10 10:09)
Vielen Dank für das Kommentar
Ja der Film hatte wirklich was und Sie waren nicht mit Leo einverstanden? xD Gut an manchen Stellen hats bei ihm gehapert aber ansonsten fand ich ihn auch sehr gut =) Und Sie haben recht Ellen Page hat ihre Rolle wirklich perfekt gespielt.

Liebe Grüße


(5.3.11 01:47)
Ja, der Film ist wirklich klasse.
Dass man ihn mehrmals gucken muss, ist klar. Aber trotzdem bleiben da noch so viele Fragen offen und für jemanden, der sich alles ins kleinste Detail erklären will, ist das ein kleiner Nervenkitzel :D.

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