"Ja weiß der Teufel, wo das bleibt." (Kästner)

Wir haben zurzeit noch ein verkürztes G9-Abitur, Ende März haben bei uns alle (!) 13er ihr Reifezeugnis erhalten. Wir Lehrer müssen uns da manchmal konzentrieren: Was für uns alljährliche Routine bedeutet, ist für die Schüler und für viele Eltern natürlich schon etwas ganz Besonderes.

Bei uns wurde bislang stilvoll gefeiert. „Bislang“ deshalb, weil die Abizeitung noch nicht erschienen ist. Keine Attacken auf Kollegen anlässlich des sonst nicht immer nur lustig und gut gemeinten Abistreichs. Viel Sachlichkeit und Freundlichkeit, die mir bislang begegnet sind. Dennoch habe ich mich während der Abiturfeier gefragt, ob wohl der „kritische Teil“ in der Abiturrede der Schüler mittlerweile obligatorisch geworden ist? Wie stehen die Redner da, wenn sie so gar nichts Kritisches zu Ihrer Schule und ihren Lehrern sagen? Werden sie dann noch von ihren Mitschülern akzeptiert? Ich fürchte fast: nein. „Kommen wir nun aber zum kritischen Teil unserer Rede“, so hieß es in diesem Jahr nicht zum ersten Mal beinahe wörtlich. Punkt 2.1. der Gliederung: Lob. Punkt 2.2.: Kritik. Das muss halt so sein.

Nun gibt es nach zwölf 2/3 Jahren Schule mit Sicherheit für jeden, der die Schule durchläuft, etwas zu kritisieren. Und zwar mit Recht. Dafür laufen in einem Schulbetrieb nun mal einfach immer wieder zu viele Dinge schief. Und wir alle können uns erinnern, dass wir unter unseren Lehrern damals auch den einen oder anderen „Volltrottel“ gehabt haben. Kein Grund anzunehmen, dass es die heute nicht mehr gibt. Tja, wenn ich zum Ende ihrer Schullaufbahn mit meinen Schülern deren Abitur feiern will, muss ich da möglicherweise durch. Vielleicht sieht das unsere Gesellschaft nun mal so. „Unseren Lehrern wird doch sowieso viel zu wenig auf die Finger geschaut. Da können die sich ruhig 1x im Jahr was anhören.“

Dazu hab ich aber Jahr für Jahr immer weniger Lust. Und ich finde, das Abitur ist der absolut falsche Zeitpunkt, die Meckerkiste noch einmal aufzumachen. Wenn ich komme, um mit den Schülern zu feiern, dann will ich genau das auch unbeschwert tun können. Oft wundern sich Schüler, warum beim Abistreich so viele Lehrer unauffindbar sind. Die Antwort ist einfach: Viele haben schlichtweg kein Interesse, sich Jahr für Jahr eventuell vorführen zu lassen.

Naja, wird manch einer einwenden, man müsse natürlich auch Verständnis haben, dass einige Schüler vor den Zeugnisnoten mit Kritik eher nicht rausrücken wollen. Und tatsächlich verstehe ich diese Sorge auch ein wenig. Aber andererseits: Was für junge Menschen bilden wir denn aus, wenn keiner mehr den Mut hat, Dinge direkt anzusprechen? Was ja bei diesem Jahrgang auch nicht der Fall war. Dinge, die vor Jahresfrist schon mit der Schulleitung diskutiert worden waren, wurden für die Abiturrede noch einmal aufgewärmt.

Einer Kollegin zufolge ist es mancherorts in Europa immer noch gang und gäbe, dass sich zum Ende eines Schuljahres Schüler und Eltern bei den Lehrern per Handschlag bedanken. Nun bin ich beim besten Willen nicht scharf darauf, jeden Sommer 250-300 Hände zu schütteln, aber dies zeigt, dass eben anderswo auch ganz anders gedacht werden kann.

Das Thema beschäftigt mich wie gesagt schon ein paar Tage, aber der Anlass, dazu jetzt auch zu bloggen, kam via Facebook. Dort findet sich seit kurzem eine gewisse Unzufriedenheit darüber, dass im Schulhomepage-Artikel besagte Schülerkritik unerwähnt bleibt. Das wird (natürlich?) als Unfähigkeit zur Selbstkritik interpretiert. Da hab ich Verständnis, das wäre mir früher nicht anders ergangen.  Ich hätte, wie jeder Schüler heute auch, Probleme damit gehabt, dass Schule auch für sich werben will und muss und deshalb an manchen Stellen gut überlegt, wie sie sich darstellt.

Unsere 2010 produzierte Schulbroschüre zeigt selbstverständlich die Schule von ihrer besten Seite und vielleicht auch ein bisschen idealisiert. Die Artikel über schulische Ereignisse auf der Homepage haben natürlich eine ähnliche Funktion. Da kann halt nicht jeder gleich gut mit leben. Hinzu kam, dass die Kritik den Autor des Artikels nicht sonderlich überzeugt hat…

 

29.4.11 17:07

bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Herr Rau / Website (1.5.11 08:50)
Geht mir alles auch so. Abiturfeier ist der falsche Zeitpunkt. Kritik vorher kommt zu wenig, und ich halte die Behauptung "Angst vor schlechten Noten" für eine Schutzbehauptung. Kritik ist immer leichter, wenn man keine Reaktion darauf erwarten muss, keine Auseinandersetzung, und das geht mit Abizeitung und Abifeier ganz wunderbar.

(Wobei die letzten Jahre bei uns sehr zahm waren.)


(5.5.11 23:56)
Es mag ja sein, dass man als Lehrer irgendwie genervt ist, wenn man sich in einer Abirede Kritik anhören muss. Aber danach gibt es ja auch Schnittchen, die jeden gestandenen Mann darüber hinwegtrösten sollten.

Was mich an diesem Blog eigentlich stört, ist aber, wie mit polemischen Mitteln die Kritik desavouiert wird, anstatt sich mit den zugrunde liegenden Problemen auseinanderzusetzen. Es ist absurd, dass Steffen oder Eva von uns nicht mehr akzeptiert worden wären, hätten sie von sachlicher Kritik in ihrer Rede abgesehen. Im Grunde wurde uns hier ein extrem desolates soziales Gefüge unterstellt, dennoch nehme ich jetzt einfach mal an, dass das so nicht gemeint war.

Und dass Lehrern viel zu wenig auf die Finger geschaut wird, ist ja leider eine traurige Tatsache. Wie könnte man sonst erklären, dass in meinem Englisch-LK die übliche Behandlung einer Lektüre daraus bestand, aus ihr vorzulesen, reihum, stundenlang? Dass die vorherrschende Möglichkeit seine „mündliche Note“ zu verbessern darin Bestand, die schriftliche (sic!) Hausaufgabe abzugeben?

Es sollte auch nicht überraschen, dass in einer Rede, die für uns einen Lebensabschnitt von dreizehn Jahren (oder zwölf drei viertel wenn Sie darauf bestehen) abschließt, die haarsträubendste, geradezu kafkaeske Vereitelung einer Klassenfahrt Erwähnung findet, die gerade mal ein gutes Jahr zurückliegt.

Und was die Abizeitung betrifft, die müssen Sie wirklich nicht fürchten, sie hat mittlerweile einen Status irgendwo zwischen Nessie und Einhörnern. Wer sie sichtet, wird für verrückt erklärt.


der Clownfisch (6.5.11 23:39)
Was die Polemik angeht - die würde ich dann doch mal zurückweisen. Und wenn man den "Volltrottel" polemisch verstehen will: Der ging gar nicht gegen die Schülerschaft.

Dass es mir kaum darum geht, mich inhaltlich mit der geäußerten Kritik auseinanderzusetzen, ist aber richtig beobachtet. Mich treibt hier die Frage um, ob Kritik an Schule und Lehrern ihren prinzipiellen Platz bei den offiziellen Abiturfeierlichkeiten haben muss oder vielleicht sogar im Gegenteil grundsätzlich außen vor bleiben darf. Und da bin ich inzwischen sehr bei letzterem.

Ein Kriterium wäre allerdings, dass der Schülerjahrgang zuvor sein kritisches Bewusstsein bewiesen hat und Probleme wie das oben erwähnte aus dem Englischunterricht angegangen ist. Eine Abiturentia, die sich nie kritisch gezeigt hat und es dann auch am Schluss nicht ist - die halte ich selbstverständlich nicht für wünschenswert.

Übrigens überlege ich seit kurzem, wann ich zuletzt eine Abiturrede gehört habe, in der die Redner auch auf ihren Jahrgang kritisch eingingen. Entweder lässt mich mein Gedächtnis im Stich oder das ist schon eine ganze Weile her. Naja, wenn man jedenfalls die generelle Kritiklinie fährt, sollte das mit dazugehören. Über ein "desolates soziales Gefüge" hätte man da sicher nicht sprechen müssen. Aber ob alles eitel Sonnenschein war...?

Bei Herrn Rau ist die Diskussion um die Abiturreden inzwischen auch neu aufgekommen (http://www.herr-rau.de/wordpress/2011/05/abiturrede.htm). Mit einigen weiteren interessanten Aspekten. Zum Beispiel der Frage, welche Funktion und Wertigkeit der Rede heutzutage beizumessen ist.

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