"Das tritt... nach meiner Kenntnis... ist das sofort"

Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass der wichtigste Satz der deutschen Nachkriegshistorie eine grammatische Bruchlandung ist. Günther Schabowski, die Fleisch gewordene Mittelmäßigkeit des DDR-Regimes, verstolperte diesen Satz; aber zugegeben: Warum sollte er glauben können, was er da liest, wenn jeder andere es auch für unvorstellbar hielt?

Und nicht nur, dass sich ein Deutschlehrer fühlt, als sitze er auf dem Zahnarztstuhl: Die letzten Tage waren voll von banalen Phrasen, die, dessen ungeachtet, historische Bedeutung gewonnen und weitreichende Wirkung entfaltet haben. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“, „Mr. Gorbatschov, tear down this wall!“ Weder Merkel im Washingtoner Senat, noch Clinton vor dem Brandenburger Tor mochten auf diesen Ausspruch Ronald Reagans in ihren Reden verzichten. Dabei hätte vermutlich jeder dahergelaufene Smalltown-Sheriff aus dem mittleren Westen dasselbe gesagt. Glück für Reagan, dass Gorbatschov den Abriss wenig später immerhin nicht verhindert hat. So war der Cowboy-Präsident unverhofft doch prophetisch. Und 60 Jahre nach Ernst Reuter haben wir auch brav wieder „auf diese Stadt geschaut“. Diesmal allerdings, um einen frierenden Lech Walesa im Berliner Schmuddelwetter darauf warten zu sehen, ein Stück Dominomauer umschmeißen zu dürfen. Und um beim schneidigen Klang der energischen Stimme Hilary Clintons das Gefühl zu bekommen, die demenzkranke Maggie Thatcher sei zugegen.

Versinken wir also in einer Welt der Banalitäten? Ja und nein. Es war die Mittelmäßigkeit der DDR-Offiziellen, die uns auch den Mauerfall geschenkt (nein, nicht beschert) hat. Die Diktatur installierte Horden von Mitläufern in ihrem System, keiner von denen wagte es im Herbst 1989, Schießbefehle zu erteilen. Und das „Okay“ für das Öffnen der Schranken zu geben, trauten die sich alle genauso wenig. So kam es, dass die Panzer in Leipzig in den Seitenstraßen stehen blieben. So kam es, dass das diensthabende Grenzpersonal der DDR am 9. November 1989 niemanden erreichte, als es versuchte, telefonisch zu erfragen, was angesichts der Menschenmassen in der Bornholmer Str. oder am Checkpoint Charlie zu tun sei. Danke, Apparatschiks. Ihr habt es erst ermöglicht, dass die am Ende der Befehlskette selbst entschieden. Und angesichts der tiefen und authentischen Emotionen, die ihnen entgegenschlugen, das Richtige taten, nämlich mutig ihre Grenze zu öffnen. Am Ende gilt es wirklich, dem stotternden Schabowski dankbar zu sein.

Nicht dankbar müssen wir allerdings David Hasselhoff sein, der ja ernsthaft glaubt, mit seinem unsäglichen „Looking for freedom“ Maueröffner zu sein. Das passiert wohl, wenn man sich Anabolika ins Hirn spritzt. Dann kann man ja auch mit Autos reden…

10.11.09 22:14

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